„Persönlichkeitsstörungen“: Von typischen Störungen des Verhaltens, des Denkens, der Eigenwahrnehmung sowie der zwischenmenschlichen Beziehungen

6-Mar-2015

Wie bereits an anderer Stelle ausgeführt, hat jeder Mensch hat seine eigene, charakteristische Persönlichkeit: Diese zeigt sich in einer bestimmten Art zu denken, zu fühlen, seine Umgebung wahrzunehmen und mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. All diese Eigenschaften werden durch die Außenwelt und durch Erfahrungen im Lauf der Kindheit und Jugend mitgeprägt. Sie machen es möglich, auf die Anforderungen der Umwelt flexibel zu reagieren – zum Beispiel Herausforderungen im Beruf zu bewältigen und die Beziehungen zu anderen Menschen zufriedenstellend zu gestalten.

 

Im Gegensatz dazu spricht man von einer Störung der Persönlichkeit, wenn bestimmte Persönlichkeitseigenschaften oder Verhaltensstile sehr stark ausgeprägt und gleichzeitig starr und unflexibel sind, wenn sie also in verschiedenen  Situationen immer wieder auftreten, obwohl sie teilweise unangemessen oder wenig hilfreich sind. So kann es in manchen Situationen angebracht und sogar günstig sein, sehr gewissenhaft zu sein oder auch anderen die Initiative zu überlassen. Wenn jemand sich aber fast immer so verhält, ist das für ihn selbst hinderlich und für seine Mitmenschen oft auch belastend. Typisch für eine Persönlichkeitsstörung ist, dass die Art und Weise zu denken, zu fühlen und sich zu verhalten, deutlich von der Art der meisten anderen Menschen abweicht.

 

Die Bezeichnung „Persönlichkeitsstörung“ stellt dabei eine Art der Stigmatisierung dar, die m.E. wenig hilfreich ist. Es wäre sicherlich sinnvoller, von typischen Störungen des Verhaltens, des Denkens, der Eigenwahrnehmung und der zwischenmenschlichen Beziehungen zu sprechen, da mit dieser Sichtweise sich auch die Betroffenen besser identifizieren könnten. Diese bemerken ihre Probleme im Kontakt mit ihren Mitmenschen durchaus selbst und fühlen sich aber deshalb noch lange nicht als „Persönlichkeits-Gestörten“.

 

Hinzu kommt, dass dadurch das „Defizit“ dem Individuum „angelastet“ wird und es so zum alleinigen Verantwortlichen für das „Anderssein“ macht. Dabei wird ignoriert, dass in vielen Fällen zum Beispiel ein problematisches Verhalten der Eltern, der Ursprungsfamilie und anderer nahe stehender Menschen, aber auch problematische Aspekte der Gesellschaft in erheblichem Maße an der Entstehung mitwirken.

 

Oft ist es schwierig, zwischen einem sehr ausgeprägten, auffälligem Persönlichkeitsstil und einer Störung der Persönlichkeit zu unterscheiden. Heute gehen die Fachleute davon aus, dass die Übergänge zwischen beidem fließend sind. So werden von mehreren namenhaften Psychologen (z.B. Volker Faust) für jede einzelne Persönlichkeitsstörung auch „Übergänge zur Normalität“ genannt – typische Persönlichkeitsstile, die einer bestimmten Persönlichkeitsstörung ähneln, aber weniger schwer ausgeprägt sind. Diese müssen nicht unbedingt ungünstig sein, sondern können zum Teil sogar günstige Auswirkungen haben.

 

Das entscheidende Kriterium für eine Persönlichkeitsstörung ist, dass jemand unter seinen Persönlichkeitsmerkmalen leidet und durch sie in seiner persönlichen, sozialen oder beruflichen Leistungsfähigkeit eingeschränkt ist. Zudem ist eine Störung der Persönlichkeit meist auch für die Mitmenschen belastend, was auch für den Betroffenen selbst zu typischen zwischenmenschlichen Problemen führt.

Derzeit sind einige Persönlichkeitsstörungen bereits relativ gut erforscht – vor allem die Borderline-Persönlichkeitsstörung und (in etwas geringerem Umfang) die antisoziale und die selbstunsichere Persönlichkeitsstörung. Für sie wurden eine Reihe von Therapieansätzen entwickelt und auf ihre Wirksamkeit hin untersucht. Die übrigen Persönlichkeitsstörungen sind bisher weniger gut erforscht. Welche Therapieansätze hier am besten geeignet sind, ist noch nicht ausreichend untersucht.

 

Charakteristische Bereiche einer Persönlichkeitsstörung

Typisch für eine Persönlichkeitsstörung ist, dass sie verschiedene psychologische Bereiche betrifft: Es bestehen Störungen bei den zwischenmenschlichen Beziehungen, beim Erleben von Gefühlen, bei der Wahrnehmung der Realität, bei der Kontrolle von Impulsen und bei der Wahrnehmung der eigenen Person. Diese Störungen können je nach Persönlichkeitsstörung unterschiedlich aussehen.

Am auffälligsten sind die Störungen im Interaktionsverhalten – also dem Verhalten in zwischenmenschlichen Beziehungen. Diese können sich bei Freundschaften, in Paarbeziehungen (wenn sie denn überhaupt für einen längeren Zeitraum zustande kommen und gelebt werden können) und im Familienleben, aber auch im beruflichen Bereich ungünstig auswirken.

Störungen beim emotionalen Erleben zeigen sich häufig darin, dass bestimmte Gefühle wie Ängstlichkeit oder Traurigkeit übermäßig stark auftreten. Es kann aber auch sein, dass jemand abwechselnd unterschiedliche, starke Gefühle erlebt oder seine Gefühle gegenüber anderen dramatisiert. Sonderfälle stellen hier die Persönlichkeitsstörungen mit zusätzlichen Persönlichkeitsmerkmalen wie Alexithymie oder Hochsensitivität bzw. bei Hochsensibilität dar.

 

Störungen bei der Wahrnehmung der Realität bedeuten, dass die Betroffenen äußere Umstände oder Beziehungen verzerrt wahrnehmen – zum Beispiel fassen sie neutrale Handlungen von anderen als negativ auf oder messen bestimmten Ereignissen eine übertriebene, objektiv nicht nachvollziehbare Bedeutung zu.

Außerdem nehmen sich Menschen mit Persönlichkeitsstörungen oft selbst verzerrt wahr. Sie erleben sich zum Beispiel als extrem hilflos, sind unverhältnismäßig Selbstkritisch oder aber sehen sich als „jemand ganz Besonderes“, was sich auf ihr Verhalten anderen gegenüber auswirkt. So kann es sein, dass sie sich als besonders hilfsbedürftig darstellen oder aber ihre eigenen Leistungen übertreiben.

Bei manchen Persönlichkeitsstörungen liegt auch eine Störung der Impulskontrolle vor. Das bedeutet, dass jemand seine eigenen Gefühle und Impulse schwer kontrollieren kann und leicht seine Selbstbeherrschung verliert. Die Betroffenen neigen dann zu Verhalten, das ihnen selbst und anderen schadet – zum Beispiel konsumieren sie exzessiv Alkohol oder Drogen, übertreten Gesetze oder verhalten sich aggressiv und gewalttätig. 

 

PerspektivePlus - Autor: Stephan Lietz

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